Rätsel um das Sühnekreuz von Pfaffenham

Das Steinkreuz von Pfaffenham

Abseits der früher nicht geteerten Straße von Moos nach Pfaffenham ragte seit Menschen-gedenken an einer Weggabelung ein windschiefes, niedriges Steinkreuz aus dem Boden. Es hat die nach der Kreuzmitte hin eingezogenen Arme eines "Eisernen Kreuzes", wie sie oft bei so genannten Sühnekreuzen zu sehen sind. Sühnekreuze gehören zu den ältesten bei uns erhaltenen Flurdenkmälern. Sie werden als Rechtsdenkmäler angesehen und stehen im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Totschlag-Sühne, die in Bayern bis ins Jahr 1621 praktiziert wurde. 

   Nach diesem Recht wurde ein unbeabsichtigter Totschlag vom Landesherrn nicht weiter gerichtlich verfolgt, wenn der Täter die Hinterbliebenen des Opfers finanziell versorgte, Messen stiftete und mindestens eine Fernwallfahrt z. B. nach Rom machte - und ein Sühnekreuz zum Andenken an den Erschlagenen aufstellte.

   Auch in der Liste des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege wird das "Pfaffenhamer Kreuz" als Sühnekreuz geführt. Schon vor längerer Zeit brachte die Familie der Grundeigentümer in der Bildnische eine weiße Blechtafel an mit der von Hand geschriebenen Information: 

   "Laut mündlicher Überlieferung wurde unweit dieser Stelle im 12. Jahrhundert ein Mönch von Pfaffenham erschlagen." Das Steinkreuz wurde dann in den 1990-er Jahren vom alten Standort mitten im Acker an den (vermeintlich) geschützten Waldrand versetzt, wo es auch besser zu sehen war.



   Am 16. April 2007 bemerkte der Ortsheimatpfleger, dass das Flurdenkmal verschwunden war. Auch der Grundstückseigentümer hatte es etwa zeitgleich vermisst. Die beiden vereinbarten, die lokale Presse um Hilfe zu bitten. Schon am übernächsten Tag erschien in mehreren Zeitungen ein Artikel des Schnaitseer Lokalredakteurs. Neben einem Foto des Steins veröffentlichte er auch Beobachtungen, wonach einige Tage vor dem Verschwinden an der besagten Stelle ein Kleinbus gestanden haben soll. 

   Der Aufruf tat schnell seine Wirkung: Schon tags darauf fuhr in Pfaffenham ein Lieferwagen mit dem Kreuz darauf vor und brachte es zurück. Angeblich hatte es eine Antiquitätenhändlerin aus Ruhpolding von einem Unbekannten zum Verkauf angeboten bekommen, hieß es. Der Bauer und der Heimatpfleger beließen es bei dieser Auskunft und waren froh, dass der Flurdenkmal wieder in seiner "Heimat" war. Es wurde im Hofraum des Besitzers aufgestellt, wo es so schnell nicht mehr entwendet werden dürfte. In der Liste des Landesamtes für Denkmalpflege heißt es jetzt: "Im Garten des Anwesens Pfaffenham 1". 

   Das Rätsel des Verschwindens war zwar innerhalb von drei Tagen gelöst, aber ein anderes blieb offen: Im Gegensatz zur bisherigen landläufigen Meinung datiert die Denkmalpflege das Kreuz in die Barockzeit, also ins 17. Jahrhundert. Gab es damals in unserer Gegend einen Totschlag? Wer war das Opfer und wer der Täter?


Totschlag an einem Priester 1653

   Seit langem gab es zu Alter und Ursache des Pfaffenhamer Sühnekreuzes nur eine Einschätzung, die in allen Veröffentlichungen seit den "Beiträgen zur Geschichte der Pfarrei Schnaitsee" von Pfarrer Braun (1928) zu finden ist: Laut "mündlicher Überlieferung" stammt es aus dem 12. Jahr-hundert, und es wurde dort ein Mönch erschlagen. Dieser habe etwas mit dem Pfarrhof zu tun gehabt, der im gleichen Jahrhundert von Pfaffenham nach (Pfaffen-) Berg verlegt worden sein soll.

   Allerdings findet man dazu in der sehr ausführlichen Veichtmayr-Chronik, beginnend im Jahre 16 v. Chr., und abgeschlossen 1860, zum 12. Jahrhundert kein Wort von einem Mord oder Totschlag - schon gar nicht an einem Mönch. Auch von einem Pfarrhof in Pfaffenham oder dessen Verlegung nach Berg ist nirgends die Rede. Es sieht so aus, als sei der Pfarrhof schon immer auf dem "Pfaffenberg" gewesen. Und nicht zuletzt datiert das Landesamt das Kreuz wegen seiner Form und seines guten Zustands in die Barockzeit.

   Also müsste in den 1600-er Jahren in dieser Gegend ein Mensch von einem anderen erschlagen worden sein und das Kreuz für diesen Vorfall stehen. Tatsächlich ist eine solche unbeabsichtigte Tötung dokumentiert in der Chronik von Pfarrer Braun, und zwar unter der Überschrift "Expositur Durrhausen", heute Kirchensur. Auch der Chronist Veichtmayr beschreibt das Ereignis, geschehen 1653 auf dem Heimweg von einem Bittgang:

   "Am 17. Mai wurde Wolfgang Pietlinger, Expositus von Durrhausen, bei Eggerding von einem Bauern erschlagen, er war mit seiner Gemeinde nach Schnaitsee mit dem Kreuz gegangen und am Heimweg um 4 Uhr nachmittags ermordet worden. Der Bauer war von der Expositur und nicht genannt, er gab an: Es habe ihn zuerst der Expositus angepackt und und mit einem Zaunstecken-trum geschlagen, welchener ihm dann aus der Hand drehte und ihm dann 4 oder 5 Streiche über den Kopf gab, woran er nach wenigen Stunden oder sogleich starb, da man ihn tot fand. Der Bauer hatte ihm schlechten Flachs gegeben und ihm den Gerste-Zehent auf dem Feld liegen lassen, obwohl es ihm sonst immer in Körnern gegeben wurde, weswegen es vom Expositus beschimpft wurde. Der Bauer gab an, er habe am selben Tag einen Rausch gehabt."


Kirche St. Bartholomäus in Kirchensur


   Bei Pfarrer Braun heißt es dazu ab Seite 88: "Am 17. Mai nun ging der Expositus mit dem Kreuz nach Schnaitsee, las dort die Messe, hatte levitiert (= das Brevier gebetet), ging hernach zum Lehrer Kaltschmid, wo er seine Suppe einnahm, um 4 Uhr nachmittags machte er sich auf den Heimweg. Am anderen Tag wurde er außerhalb von Eggerding erschlagen gefunden. Die Leiche wurde nach Kirchensur gebracht und dort am 19. Mai in der Kirche beigesetzt. Der Täter war anfangs unbekannt, bis man erfuhr, daß Hans Gruber flüchtig gegangen sei. Es wurde nun ein Steckbrief erlassen, aber Gruber war nicht zu finden."

   Dieser Hans Gruber aus Grub bei Kirchensur war zwischenzeitlich unterwegs, um seinen Totschlag zu sühnen: "Da kam nun im September 1653 eine Bitte um Absolution nach Salzburg von Gruber. Er sagt in seinem Schreiben, daß er durch die Schuld des Expositus in Kling in die Brunnenkeuche (= Gefängnis) gesperrt worden sei. - Nach der Tat sei er nach Rom und Loretto gegangen, habe gebeichtet, alles erzählt, und um die Absolution gebeten, worüber er ein Testimonium habe. Doch habe es geheißen, er müsse sich an seinen Oberhirten nach Salzburg werden. In Salzburg erhielt er nun die Absolution; ob er nach Hause kam, ist unbekannt."


Auf der Suche nach dem richtigen Sühnekreuz

   Ist dann das Kreuz von Pfaffenham das Sühnekreuz des Hans Gruber? Eher nicht, denn in beiden Berichten wird der Tatort als "bei Eggerding" bzw. "außerhalb von Eggerding" beschrieben. In den ersten Flurkarten von 1813 aber ist in der ganzen Gegend kein einziges Kreuz eingezeichnet, nicht bei Eggerding, nicht in der Nähe von Pfaffenham, auch nicht das Kreuz östlich von Kratzberg. Die Erklärung dafür ist, dass im Jahre 1804 im Zuge der Aufklärung Feldkreuze verboten wurden und alle entfernt werden mussten. Besonders streng wurde dies im Fürstbistum Salzburg gehandhabt, zu dem die Pfarrei Schnaitsee bis 1807 gehörte:

   "Den 31. Jänner werden die Prozessionen und Evangelien verboten, und am 12. März wurde befohlen, daß alle Feldkapellen und Martersäulen abgebrochen werden sollen, was auch geschah, es sah aus wie wenn Bilderstürmer dagewesen wären, alle Kapellen und Feldkreuze lagen am Boden." (Veichtmayr). Doch unter der Regentschaft (1825 - 1848) von König Ludwig I. wurde dieses Verbot wieder gelockert, so dass einige in der Zwischenzeit von den Bauern versteckte Feldkreuze wieder aufgestellt wurden. Dabei könnte nach Jahrzehnten das Wissen um die Bedeutung z. B. der Sühnekreuze verblasst sein, denn manche wurden zu "Pestkreuzen" um-funktioniert oder einfach als Wegmarken hergenommen.

   Wo aber finden wir heute das Sühnekreuz des Hans Gruber? Das Kreuz von Pfaffenham stand zu weit abseits vom Weg der beiden Streithähne von 1653, wenngleich der "Mönch" der mündlichen Überlieferung in Richtung des Expositus zeigen könnte. 

   Der Zufall half im Frühjahr 2021 weiter. Im Zuge der Neuerfassung aller Flurdenkmäler wurde auch ein unscheinbares, ziemlich kaputtes Marterl kurz hinter Eggerding näher in Augenschein genommen. Da war ein eisernes Kastenkreuz nachträglich auf eine Steinsäule montiert, die es allerdings in sich hat:



   Auf der Säule ist ein Fisch zu erkennen, darunter die Buchstaben "G" und "F" und die Jahreszahl 1662. Über der Bildnische darüber deutet ein Loch darauf hin, dass hier früher ein eisernes Kreuz eingelassen war. Der Fisch war bis ins 3. Jahrhundert das geheime Symbol für die Anhänger des Christentums in Rom und könnte auf den erschlagenen Expositus hinweisen. Der Buchstabe "G" stünde für Gruber und der Buchstabe "F" müsste Fischer bedeuten, denn das Gruber-Anwesen gehörte 1662 schon zum benachbarten Fischer-Anwesen. Das alles würde bedeuten, dass es sich bei dem Marterl "außerhalb von Eggerding" um das gesuchte Sühnekreuz handelt.

   Denn dank der Erkenntnisse einer Wiener Familienforscherin mit entfernten Verwandten hier in Bayern geht die Geschichte des Hans Gruber noch weiter: Auf Anraten seines Bruders, dem Stadtschreiber von Traunstein, machte er die besagte Wallfahrt nach Rom und Loretto, ging anschließend zum Erzbischof  von Salzburg und bat um Absolution. Der trug ihm auf, sich zur weiteren Buße für ein paar Jahre als Knecht auf dem Hof einer Witwe in Heistern, Pfarrei Palling zu verdingen. Dort war er hoch willkommen, denn der Bauer, Gabriel Haistracher, Vater von 10 Kindern, war kurz zuvor verstorben. 

   Allerdings wird Hans Gruber 1654 plötzlich in Tittmoning gefangen genommen und nach Schloss Kling überstellt, wo er inhaftiert wird. Da in Bayern 1621 das Sühnerecht durch eine blutige Gerichtsbarkeit ersetzt worden war, droht ihm jetzt Gefahr für Leib und Leben. Aber er kommt ein Jahr später wieder frei und kann nach Heistern auf den Hof zurückkehren. Dort wird ihm erlaubt, weil selber Witwer, die Anna Haistracher zu ehelichen.  Hans Gruber starb am 19. 4. 1667 ohne weitere Nachkommen als "alter Haistracher de Haistern und Austragsmann". Drei Jahre später starb seine Frau Anna, die Urahnin der Familien Heistracher in Gitzen, Schnaitsee und Kirchensur.

   So ist es sehr wahrscheinlich, dass Hans Gruber 1662 eine Steinsäule anfertigen ließ und sie am Tatort "außerhalb von Eggerding" als Sühnekreuz aufstellte, wenn auch erst 9 Jahre nach der Tat. Der Heimatverein Schnaitsee hat beschlossen, dieses Mahnmal im Frühjahr zu restaurieren und an der besagten Stelle in einem würdigen Umfeld wieder aufstellen zu lassen. Die Herkunft des Kreuzes von Pfaffenham aber bleibt vorerst weiter im Dunkel der Geschichte...


Reinhold Schuhbeck, Ortsheimatpfleger