Chronik 2020

 

1.Veranstaltung Freitag, 24. Januar:

Jahreshauptversammlung mit Vortrag

"Allen Schnaitseern geht es in Amerika gut"

      In der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts emigrierten viele Schnaitseer*innen uns Ausland, überwiegend in die USA, einige auch nach Australien. Dr. Rosina Wäsle hat dieses Thema schon im Heimatbuch Schnaitsee behandelt (Band 2, ab Seite 921) und unterzog ihr Kapitel einer eingehenden Analyse, besonders im Hinblick auf die aktuelle Situation:

   "Junge Menschen aus unserer Gemeinde zieht es auch jetzt immer wieder in das europäische oder fernere Ausland. Der Grund ist nicht mehr die wirtschaftliche Not, sondern der Wunsch, inter-national berufliche Erfahrung zu sammeln, andere Lebensweisen und Kulturen kennen zu lernen oder sich sozial zu engagieren. Und manchmal wird aus privaten oder beruflichen Gründen echte Auswan-derung daraus.

   Genauso kommen auch heute Menschen zu uns.  Ganz gleich, ob man diese Wanderbewegungen Migration, Emigration oder Auswanderung nennt, es sind immer ähnliche Strukturen zu erkennen und vieles läuft nach den gleichen Mustern ab. 

   Es machen sich zumeist junge Männer auf den Weg, einzeln oder in Gruppen, man geht, wenn es möglich ist dort hin, wo bereits "Wegbereiter" leben, es gibt Familiennachzug, es gibt auch oft die Erfahrung von Misstrauen und Vorbehalten. So ist es heute und so war es vor zwei, drei Generationen, nur in die andere Richtung, von uns weg. Viele Menschen wollten oder mussten damals aus verschiedensten Gründen unser Land verlassen und in der Ferne ihr Glück suchen, auf einem Weg ins Ungewisse, oft mit nicht vorhandenen oder mangelhaften Sprachkenntnissen. Sie waren darauf angewiesen, irgendwo in der Welt aufgenommen zu werden mit der Möglichkeit, eine neue Existenz zu gründen. Das ist den Auswanderern aus Schnaitsee gut gelungen: Von den über 70 Personen, von denen ich weiß, sind nur 10 zurückgekehrt."

   Zum Ende der Versammlung stellte 1. Voritzender Dr. Arnold Böhm die Veranstaltungen im Jahr 2020 vor, die auch auf dieser Homepage und im Flyer (liegt auf in Gaststätten und Banken) zu finden sind. Darüber hinaus stellte er als laufende Vohaben vor:

  • die geplante Einweihung des Bildstocks an der Fahrnbichlstraße im Frühjahr,
  • die Hoftafel-Aktion der Gemeinde, die maßgeb-lich vom Heimatverein durchgeführt wird,
  • die Archivarbeit von Dr. Uli Frost und seiner Frau mit dem Ziel, die wichtigsten Exponate künftig auf unserer Homepage präsentieren zu können
  • sowie die Bergung und Aufstellung zweier Sühnekreuze in Kirchstätt und die Standort-frage des Sühnekreuzes von Pfaffenham.

   Ganz zum Schluss erinnerte der Vorsitzende an eine wichtige Aufgabe unseres Vereins, nämlich den Schutz der Heimat - in einem ganz speziellen Sinn:

"Jeder von uns soll sich angesprochen fühlen nachzudenken, was er selbst ... bewirken kann, was örtlich geschehen kann. Einsparung von Energie, von Heizung und Wasser, von Plastikmaterialien sollen nicht nur Schlagworte sein, die für andere gelten. Jeder muss umdenken und sofort handeln.

Die Veringerung der Insekten ist unübersehbar, ihre Folgen noch nicht. Deshalb begrüße ich das Anlegen von Blühstreifen, was aber für mich nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein erscheint. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass Wege- und Straßenränder sowie öffentliche Flächen bis nach dem Absamen der Gräser ungemäht bleiben. Jeder Gartenbesitzer kann Teilflächen seines Rasens ungemäht lassen für das Ziel des Insekten- und Vogelschutzes, und die Gemeinde sollte hier mit gutem Beispiel vorangehen."

 

2. Veranstaltung Sonntag, 9. Februar:

Bettina Mittendorfer: "Mensch sein"

G'schichtn und Lieder armer Leute - Szenische Lesung mit Musik

   "In diesem großen Saal werden wir auftreten?" fragten die beiden Künstlerinnen Bettina Mittendorfer und Barbara Dorsch ungläubig, als sie eine Stunde vor Beginn den Festsaal des Schnaitseer Wirth betraten. Im gleichen Moment stürmte eine Besucherin herein, um schnell noch 10 Plätze zu reservieren. Gleichzeitig beklagte sich Ägäis-Wirt Vassilli über zahlreiche Anrufer, die nach einer Vorverkaufsstelle fragten. Eine solche hatte der Heimatverein aber nicht eingerichtet, weil ja für die höchstens 30 - 40 zu erwartenden Besucher genügend Platz vorhanden war. Als dann um 19.30 Uhr der Vorhang aufging, hatten sich 90 Besucher an den Tischen eingefunden - der Saal war voll!

   Auf der Bühne dann ein auf den ersten Blick ungleiches Paar: hier die junge, bekannte Schauspielerin Bettina Mittendorfer und daneben Barbara Dorsch, eine würdevolle, aber bunt gekleidete Dame am Klavier. Letztere ist in Passau als Kabaretistin, Sängerin und Kommödiantin hochgeschätzt und ein stadtbekanntes Original. Die beiden ergänzten sich ideal, wenn Frau Dorsch die Mittendorfer zu ihren Liedern begleitete oder wenn sie zusammen ihre Lieder aus einer längst vergangenen Zeit sangen. Dabei erinnerte Frau Dorschs tiefe Stimme und ihr Habitus immer wieder an die unvergessene Bally Prell. Deren Lied von der "schönen Münchner Stadt" wurde im Laufe des Programms dann auch gesungen.

   Die Texte der "szenischen Lesung mit Musik" stammten von Oscar Maria Graf, Lena Christ und Heinrich Lautensack. Mittendorfer gelang es sehr anschaulich, einige ihrer Charaktere plastisch zum Leben zu erwecken: Etwa ein altes Landstreicherpaar aus Grafs Kindheitserinnerungen in der Erzählung "Frühzeit", das beim Losverkauf einem Kleinhäusler zu Wohlstand verhilft, oder die "Rumplhanni" von Lena Christ in der Szene, wo sie sich beim Wurst machen mit einem Metzgergesellen verlobt. Heinrich Lautensack schildert einen Passauer Biergarten - "den ältesten!" - wo sich an einem Frühlingstag allerlei Gesindel trifft, um mit den wenigen, im Winter gesparten Groschen ihr Bier zu genießen, und das über eine längere Zeit, jeden Tag! Die ehrbaren Bürger der Stadt sind ihnen sogar neidig dafür.

   Nach der Pause kam dann nochmals Oscar Maria Graf zu Wort mit dem "Theodorverein" und einer derben Szene aus dem Bayrischen Decameron, wo im Stall hinter dem Saukoben und dem Rossstand eine Ehe gestiftet wird, was die Gesellschaft vom Wirtshaus gegenüber später gerne erfahren darf. Zwischen all diese Texte streute die Mittendorfer immer wieder Lieder, die unsere Großeltern sicher gekannt haben. Sie stellen als sogenannte "Küchenlieder" eine eigene Musikgattung dar.

   Das Publikum unterbrach den Vortrag der beiden Damen öfter mit Applaus, durfte hin und wieder auch mitsingen, und man konnte spüren, wie sich alle im Saal richtig wohlfühlten. Denn hier gab es die seltene Gelegenheit, ein-zutauchen in eine längst vergangene Welt der einfachen Leute, eine Welt ohne Fernseher, Internet und Handy. Und dass dies eine "gute, alte Zeit" war, glauben wir ja immer noch ein wenig. Jedenfalls war damals die zwischenmenschliche Kommunikation eine direkte, unverfälschte, was Bettina Mittendorfer vermutlich mit dem Titel "Mensch sein" meint. Heimatvereins-Vorstand Arnold Böhm brachte es sehr schön auf den Punkt: "Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen."



Anfang Mai:

Gedenken an die Euthanasie-Opfer von Berg

   Nachdem die Gedenkveranstaltung am 2.Mai nicht stattfinden konnte, wurde in einem Zeitungs-artikel auf die Ermordung von Insassen der Behinderteneinrichtung in Berg 1940 in Hartheim bei Linz hingewiesen - 80 Jahre nach der Tat.


Der Text vergrößert:

   "Schwachsinn, Blödsinn, Epilepsie, Idiotie, triebartige Unruhe, taubstumm, gelähmt" - so oder ähnlich hießen die Diagnosen für Bewohner der damals so genannten "Kretinenanstalt" in Berg bei Schnaitsee. Diese menschenverachtenden Meldeblätter, die der Heimatzeitung vorliegen, geben ein erschütterndes Bild darüber ab, wie zu jener Zeit sogar Ärzte das 'unwerte' Leben bewerteten und dokumentierten. Das, was mit diesen Bewohnern dann geschah, gehört zum dunkelsten Kapitel, das Schnaitsee je erlebt hat.

   Heuer, im Jahr 2020, liegt dieses Geschehen exakt 80 Jahre zurück. Bei der geplanten Mai-andacht am Denkmal für die im Süden Schnaitsees ums Leben gekommenen KZ-Häftlinge wollte Ortsheimatpfleger Reinhold Schuhbeck auf diese schlimmen Monate zurückblicken. In einem Gespräch mit der Heimatzeitung erläutert er das damalig Geschehen:

   "Nachdem 1934 der Pfarrhof von Berg nach Schnaitsee verlegt wurde, ging das ehemalige Pfarrgut an die Stiftung Ecksberg über. Diese richtete eine Betreuungsstation, damals 'Kretinen-anstalt' genannt, für behinderte Menschen ein. Am 20.August 1937 kamen dann neun Ecksberger Schwestern mit 25 Betreuten nach Berg. Die braunen Machthaber hatten jedoch anderes mit diesen Menschen im Sinn: Denn mit Kriegsbeginn 1939 begannen sie mit dem Aufbau ihrer Tötungsmaschinerie für alles, was sie als 'unwertes Leben' bezeichneten. Dafür wurde die 'Organisation T4' eingerichtet. Das bedeutete, dass für die meisten Betreuten in Berg zwei jahre später ihr Leben in der Gaskammer der sogenannten 'Reichanstalt' in Hartheim bei Linz endete."

   Wie Schuhbeck weiter erläuterte, waren die Grundlagen für die Auswahl jene bereits erwähnten 'Meldeblätter zur planwirtschaftlichen Erfassung der Heil- und Pflegeanstalten'. Nur ein paar wenige Insassen, die man als arbeitsfähig in der Ökonomie einstufte, durften bleiben. Die aller-meisten aber wurden unter einem Vorwand nach Eglfing bei Haar ausquartiert. Von dort führte der Weg schließlich nach Hartheim bei Linz in die dortigen Gaskammern. 

   Dazu hat Schuhbeck einen erschütternden Bericht von Schwester Zeno aus Berg dabei: "Ein paar von uns Schwestern sind mit nach Eglfing mit dem Bus gefahren, um die Pflegebedürftigen zu versorgen. Uns wurde ein Platz in Haus 25 zugewiesen, der dadurch frei geworden war, weil andere Pfleglinge gerade weitertransportiert worden waren. Der Pater, der die andere Gruppe begleitet hatte, wusste wohl, dass die Behinderten nicht mehr zurückkehren würden; er hat ihnen dann die letzte Ölung gegeben."

   Die Leute aus Berg wurden am 24.Januar 1941 nach Hartheim gebracht. Eine Mitschwester hatte sich vor der Abfahrt noch einmal in die Nähe der Waggons geschlichen, aus denen kein einziger Laut mehr zu hören war. Die Schwestern glauben, dass die Behinderten in Hartheim gar nicht mehr lebend angekommen sind; denn einige Zeit später hat man ihre Wäsche zurückgebracht, und die war ganz sauber.

   Insgesamt wurden 248 behinderte Menschen aus Berg, Ecksberg und Bachham zur Ermordung nach Hartheim gebracht. Ein Denkmal für diese Toten wurde am 14.Mai 1985, also vor genau 35 Jahren, von Weihbischof Graf von Soden-Fraunhofen in Ecksberg eingeweiht. Das Pflegeheim Berg bei Schnaitsee existierte für einige Jahre nicht mehr. Aber bald nach Kriegsende nahmen die Ecksberger Schwestern die Betreuung von Menschen mit Behinderung wieder auf und führten sie bis 1991 weiter. Seit 1996 betreibt der Caritas-Verband in Berg ein Reha-Zentrum für suchtkranke Menschen.

Josef Unterforsthuber